Press lounge - Publications - Modre'n Walking

Adrien ist gut zu Fuß
Wenn das geliebte "Familienmitglied in der Garage" geklaut wird,
ist für viele der Ofen aus. Sie werfen frustriert das Handtuch und sind alles
andere als motiviert, einen neuen Wagen aufzubauen. Andere sinnen nach Rache
und setzen "Kopfgelder" aus. Findet man das Fahrzeug dann aber in erbärmlichem
Zustand wieder, kommt die ernüchternde Feststellung: Ein leerer Ofen, und war
er auch noch so heiß, braucht verdammt viel Kohle, um wieder zu glühen!
Adrien Modre ereilte dieses Schicksal, als üble Zeitgenossen seinen Golf 2 16V
im Mai 99 für eine Spritztour, die sich über mehrere Wochen zog, "ausborgten".
Glücksgefühle konnten auch nicht aufkommen, als das stark beschädigte Auto von
der Polizei gefunden wurde. Der Sommer war erst einmal gelaufen. Im September des
selben Jahres juckte es Adrien jedoch bereits, den Wagen wieder auf Vordermann zu
bringen. Er sollte besser werden, als je zuvor.
Mit genauen Vorstellungen ging man ans Werk. Erster Punkt war, wie so oft, die
Zerlegung des Fahrzeugs bis auf die Rohkarosse, der logischerweise ein neuer Lackaufbau
folgte. Rost beseitigte der Sandstrahl. Dann nahmen die Radläufe Form an, um neuen
Rädern - Schmidt TH-Line in den Maßen 8 x 14 ET 15 vorne und 9 x 14 ET 5 hinten, bereift
mit 195/45ern sowie 225/40ern - ausreichend Platz zu bieten. Für den Tiefgang war ab sofort
ein KW-Gewindefahrwerk zuständig. Während es bei den Kotflügeln vorn reichte, die Kanten
umzulegen, wanderten die Radläufe hinten um jeweils 5 cm nach außen. Sämtliche Löcher für
Zierleisten und Schriftzüge verschweißte und verzinnte Adrien ebenso sauber, wie die Mulde
für das VWZeichen im Heckabschlußblech. Ein Blechstreifen verschloß das äußere Wischerloch,
da der "Einarmige Bonrath" für ein Sommerauto ausreicht. An der Heckklappe sollte eine
solche Einrichtung von nun an gänzlich fehlen. Auch die Stoßstangen erhielten eine "gehörige
Abreibung", um eine komplett glatte Oberfläche zu erzielen. Nach dem Füllern und Schleifen
ist der Lackierer dran - aber welche Farbe?
Rubinrot sollte es zuerst sein. Nein, doch zu normal! Das zwischendurch in Erwägung gezogene
Paradiesgrün von Audi schien letztendlich auch nicht der "Bringer" zu sein. Um einen
Fehler zu vermeiden, blieb der Golf erst einmal einen Monat stehen. Während dieser Zeit stieß
Adrien eher zufällig auf Indianapolis-Grün, einen Flip-Flop-Lack von Standox. Das war's!
Innen- und Motorraum wechselten zuerst die Farbe. Die zwei Schichten grünen Grundlacks stellten
keine große Herausforderung für den Lackierer dar; die drei Schichten Perlmutt-Basislack dagegen
forderten ihn zur "Reifeprüfung", da nicht erkennbar ist, ob das Zeug auch deckt. Der Trick besteht
darin, die letzte Schicht nur "drüberzunebeln", um den gewünschten Effekt zu erzielen.
Der Klarlack zum Schluß ließ den Meister der Spritzpistole wieder etwas abkühlen. Für Außenhaut
und Anbauteile nahm er erneut Anlauf.
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| Bewegungsfreiheit für 14Zöller. |
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Adrien hing in der Zwischenzeit nicht untätig rum, sondern steckte ein neues Triebwerk zusammen.
Ausgangsbasis war ein 2-Liter-16V aus dem Passat 35i. Ein Fachbetrieb plante Kopf und Block,
um das Ganze unter Verwendung neuer Lager, Dichtungen und Ventilsitze wieder zu einem ordentlichen
Triebwerk zusammenzufügen. Die optische Aufwertung des Motorraums erfolgte zunächst durch die penible
Grundreinigung sämtlicher Einzelteile."Silverstone Blue" der beliebte Farbton, ließ Ventildeckel
und Domstreben (beide, also auch die im Kofferraum) in neuem Glanz erstrahlen. Eine vergoldete
Lichtmaschinenscheibe und die polierte Ansaugbrücke tragen ihren Teil zum großen Glanz bei. Den
Sound machen ein Supersprint Fächerkrümmer und eine sportlich abgestimmte Edelstahlauspuffanlage.
Für ordentliche Verzögerungswerte sorgen nicht nur, aber auch - Komponenten aus anderen
"Gölfen". Vorn packen die mit 265er Scheiben kombinierten Sättel eines G60 kräftig zu;
hinten durften es nagelneue Originalsättel sein. Der ursprüngliche Zeitplan konnte nicht eingehalten
werden. Man schrieb bereits April 2000. Der Innenraum mußte - zumindest für diese Saison - etwas
kürzer treten. Adrien wollte es so. Dazu lieferte ihm Sparco Vollschalensitze und ein 30er Lenkrad.
Schroth steuerte elektrische H-Gurte in Lila bei. Teppich und Velours-Bezug auf den Türverkleidungen
ließen sich leicht auftreiben und verarbeiten. Eine Nummer komplizierter gestaltete sich der Einbau
des Golf-IlI-Armaturenbretts. Die Rundung der Tafel im Bereich der Windschutzscheibe ist im neueren
Golf-Modell stärker, ansonsten paßt das Dreier-Teil fast wie ab Werk geplant.
Leichte Schwierigkeiten bereitete der Anschluß der Lüftung. Im Vergleich zum Originalteil sitzt
der Lüftungsschacht um 10 cm versetzt. Hier schuf ein selbstgeformtes Polyesterteil Abhilfe.
Ging der Zusammenbau bis jetzt problemlos über die Bühne, entpuppte sich die Verkabelung als
wahre Geduldsprobe. "Aus Zwei mach Eins" funktioniert aber bei Kabelbäumen. Nachdem der originale
Kabelstrang für "Versuchszwecke" draufging, besorgte sich Adrien jeweils einen von den "
Sechzehnvaus" der z. und 3. Golf-Generation, da die Instrumente eines 16V-Dreiers übernommen
werden sollten. Glücklicherweise erleichtert die bei beiden Modellen identische Farbgebung der
einzelnen Leitungen die Arbeit. Um das glatte Heck nicht wieder zu verschandeln, kam eine Griffleiste
ohne Schloßaussparung zum Einsatz. Die Heckklappe wird nun per Stellmotor über den Scheibenwischerhebel
geöffnet. Weiße Rücklichter und Blinker von MHW sowie ein Bonrath-Grill runden die "Fassade" ab.
So ging's ziemlich erschöpft zur "Typisierungsstelle". Hier bekam der Golf - zum größten
Erstaunen aller Beteiligten - sämtliche Eintragungen auf Anhieb!
Ebenso überraschend feierte der Wagen am Wörthersee Premiere, denn Adrien dachte nicht, schon
so bald ein sehenswertes Fahrzeug präsentieren zu können. Das Happy End entfiel trotzdem, denn
Adriens Freundin dauerte das alles viel zu lange. Sie beschloß unter diesen Umständen lieber
allein durchs Leben zu gehen. Darüber können neue Bekanntschaften wie die mit den Leuten vom
"Waldviertler Havariecenter" (Unfallwagenzentrum) nicht hinwegtrösten.
Text:Roland Scharf
Quelle: VW WOB!, Ausgabe 2/2001, Seite 24ff